
Der 14. WOHNBAU.DIALOG STEIERMARK widmete sich am 11. Mai 2026 im Haus der Architektur Graz den gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen gemeinschaftlichen Bauens und Wohnens in Österreich. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Frage, wie gemeinschaftliche Wohnformen von einzelnen Projektinitiativen zu einem wirksamen Baustein einer sozial, ökologisch und leistbar orientierten Wohnpolitik weiterentwickelt werden können. Den fachlichen Auftakt bildeten drei Impulsvorträge, in denen zentrale Ergebnisse eines dreijährigen Forschungsprojekts vorgestellt wurden. Behandelt wurden die Entwicklung und Verbreitung gemeinschaftlicher Wohnprojekte in Österreich, die Chancen und Hürden ihrer praktischen Umsetzung sowie konkrete Maßnahmen zu ihrer Unterstützung. Damit verband die Veranstaltung empirische Analyse, governancebezogene Einordnung und anwendungsorientierte Handlungsperspektiven. Im anschließenden Workshopteil wurden diese Themen in einem interdisziplinären Austausch vertieft. Vertreter:innen aus Verwaltung, Politik, Planung, Forschung, Projektentwicklung, gemeinschaftlichen Wohninitiativen sowie weitere an neuen Wohnformen interessierte Akteur:innen diskutierten, welche strukturellen Voraussetzungen, Förderinstrumente, rechtlichen Rahmenbedingungen und lokalen Handlungsspielräume erforderlich sind, um gemeinschaftliches Bauen und Wohnen breiter zu ermöglichen. Der WOHNBAU.DIALOG bot damit einen Rahmen, um wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischen Erfahrungen zu verschränken und Ansatzpunkte für eine zukünftige Weiterentwicklung der Wohnbaupolitik in der Steiermark und darüber hinaus zu identifizieren.
Die drei Impulsvorträge des 14. WOHNBAU.DIALOG STEIERMARK spannten einen Bogen von der empirischen Bestandsaufnahme gemeinschaftlicher Wohnprojekte über deren politisch-institutionelle Umsetzungsbedingungen bis hin zu konkreten Maßnahmen einer unterstützenden Governance. Grundlage waren Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt GO4CO sowie deren Übersetzung in eine anwendungsorientierte Policy Roadmap.
Bernhard Hohmann stellte die Entwicklung und Verbreitung gemeinschaftlicher Wohnprojekte in Österreich dar. Gemeinschaftliches Wohnen wurde dabei als Antwort auf mehrere aktuelle Herausforderungen des Wohnens eingeordnet: steigende Wohnkosten, Bodenknappheit, Verdichtung, soziale Vereinzelung und Klimaanpassung. Anhand von Fallstudien in der Steiermark, Wien und Kärnten analysierte der Vortrag regionale Unterschiede in Bezug auf Wohnrechtsformen, Wohntypologien, Baumaßnahmen, Erstbezugsdatum und gemeinschaftlicher Infrastruktur. Deutlich wurde, dass Neubauten und hier vor allem der Geschosswohnbau bisher dominieren, während nur wenige Projekte Gebäudebestand nutzen. Zugleich verschieben sich jüngere Projekte stärker in Richtung Miete und Kollektiveigentum. Gemeinschaftliche Wohnformen erscheinen damit nicht als Nischenphänomen, sondern als empirisch sichtbarer und wohnpolitisch relevanter Ansatz.
Andrea Jany analysierte anschließend die Chancen und Hürden für die Umsetzung gemeinschaftlicher Wohnprojekte. Im Zentrum stand die Frage, warum vorhandene Initiativen häufig an strukturellen Barrieren scheitern. Als zentrale Problemlagen wurden unpassende Rechts- und Eigentumslogiken, fehlende Förderkategorien, komplexe Verfahren, fragmentierte Zuständigkeiten sowie mangelnde Prozessbegleitung benannt. Der Engpass liegt demnach weniger bei fehlenden Ideen oder mangelndem Interesse, sondern bei institutionellen Rahmenbedingungen. Kommunen wurden als Schlüsselakteure hervorgehoben, da sie über Flächen, Widmung, Vergabe und lokale Unterstützung maßgeblich zur Umsetzbarkeit beitragen können. Zugleich zeigte der Vortrag politische Möglichkeitsfenster auf, etwa durch Klimakrise, steigende Wohnkosten, regionale Entwicklungsbedarfe und strategische Kommunikation.
Thomas Höflehner präsentierte darauf aufbauend Maßnahmen zur Unterstützung gemeinschaftlicher Wohnprojekte. Die vorgestellte Policy Roadmap versteht Cohousing als Baustein einer sozial-ökologischen Wohnpolitik und ordnet Maßnahmen fünf Handlungsfeldern zu: Boden und Bestand, Wohnbauförderung und Finanzierung, Planungs- und Baurecht, Governance und intermediäre Strukturen sowie Wissen und Capacity Building. Im Mittelpunkt steht nicht ein einzelnes Förderinstrument, sondern ein koordiniertes Multi-Level-Governance-System. Vorgeschlagen wurden unter anderem gemeinwohlorientierte Bodenpolitik, eine eigene Fördernehmerkategorie, Prozessförderung, flexible Stellplatzregelungen, Kompetenzstellen, Wissenstransfer und Pilotprogramme. Die zentrale Botschaft lautete, dass gemeinschaftliches Wohnen lernfähige Strukturen braucht, die Projekte ermöglichen, begleiten und langfristig absichern.
An die Impulsvorträge schloss ein Workshop mit drei moderierten Thementischen an, in denen die Handlungsfelder der Policy Roadmap vertieft wurden. Andrea Jany moderierte gemeinsam mit Constance Weiser von der Initiative Gemeinsam Bauen & Wohnen die Diskussion zum Handlungsfeld „Boden und Gebäudebestand“. Bernhard Hohmann leitete Handlungsfeld 2 „Wohnbauförderung und Finanzierung“ sowie Handlungsfeld 3 „Planungs- und Baurecht“. Thomas Höflehner moderierte die Diskussion zu Handlungsfeld 4 „Governance und intermediäre Strukturen“ sowie Handlungsfeld 5 „Wissen, Kapazitätsaufbau und Sichtbarkeit“.
Der 14. WOHNBAU.DIALOG STEIERMARK zeigte, dass gemeinschaftliches Bauen und Wohnen in Österreich nicht mehr nur als experimentelle Nische verstanden werden sollte, sondern als relevanter Baustein einer sozial-ökologischen Wohnpolitik. Die Impulsvorträge machten deutlich, dass Cohousing auf mehrere aktuelle Problemlagen zugleich reagiert: steigende Wohnkosten, Bodenknappheit, soziale Vereinzelung, demografischen Wandel, Klimaanpassung und die unzureichende Nutzung bestehender Gebäudestrukturen. Zugleich wurde sichtbar, dass die Umsetzung weniger an fehlendem Interesse oder mangelnden Projektideen scheitert, sondern vor allem an strukturellen Barrieren. Dazu zählen unklare Rechts- und Eigentumsformen, begrenzte Förderzugänge, komplexe Verfahren, fragmentierte Zuständigkeiten und fehlende Prozessbegleitung. Besonders hervorgehoben wurde die Rolle der Gemeinden, da Flächenpolitik, Widmung, Vergabe, Leerstandsaktivierung und lokale Unterstützung zentrale Voraussetzungen für erfolgreiche Projekte darstellen. Die vorgestellte Policy Roadmap lieferte dafür einen strategischen Orientierungsrahmen. Sie zeigte, dass einzelne Instrumente nicht ausreichen, sondern ein koordiniertes Zusammenspiel von Bund, Ländern, Gemeinden, intermediären Akteur:innen, Wohnbau, Finanzierung, Forschung und Zivilgesellschaft erforderlich ist. Die anschließenden Thementische ermöglichten es, diese Handlungsfelder praxisnah zu diskutieren und auf konkrete Umsetzungsmöglichkeiten zu beziehen. Insgesamt machte die Veranstaltung deutlich, dass gemeinschaftliches Wohnen weder Allheilmittel noch Randthema ist. Es erweitert den wohnpolitischen Handlungsspielraum, wenn es durch lernfähige Governance-Strukturen, geeignete Förderlogiken und verlässliche lokale Kooperationen unterstützt wird.
Fotocredit: HDA, Anna Mariner
