
Der 15. WOHNBAU.DIALOG STEIERMARK widmete sich am 12. Oktober 2026 im Haus der Architektur Graz dem Thema „Leistbar Sanieren mit Holz“. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie bestehende Wohngebäude qualitätsvoll, klimawirksam und wirtschaftlich tragfähig weiterentwickelt werden können. Besonderes Augenmerk lag auf der seriellen Sanierung mit vorgefertigten Holzelementen und ihrer Anwendung im bewohnten Bestand. Drei Impulsvorträge beleuchteten das Thema aus der angewandten Forschung, der Perspektive gemeinnütziger Wohnbauträger und der Planungs- und Umsetzungspraxis. Im anschließenden Workshop wurden die Voraussetzungen einer breiteren Anwendung an drei moderierten Thementischen vertieft. Die Diskussionen verbanden fachliche Fragen der Bestandsaufnahme und Ausführung mit rechtlichen Rahmenbedingungen, Finanzierung, sozialer Akzeptanz und der Organisation konkreter Projekte. Damit bot die Veranstaltung einen Rahmen, um Forschungsergebnisse und Umsetzungserfahrungen aufeinander zu beziehen und Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung der Bestandssanierung zu identifizieren. Die drei Impulsvorträge spannten einen Bogen von den Potenzialen und Grenzen serieller Sanierung über ihre wirtschaftliche und soziale Tragfähigkeit bis zum konkreten Ablauf der Vorfertigung und Montage. Gemeinsam machten sie deutlich, dass bereits zahlreiche Pilotprojekte und technische Erfahrungen vorliegen, ihre Übertragung auf eine breitere Anwendung jedoch zusätzliche Voraussetzungen braucht.
Cornelia Ninaus stellte unter dem Titel „Serielle Sanierung mit Holz: Vom Einzelfall zum skalierbaren Standard“ die Bedeutung des Gebäudebestands und die Möglichkeiten industriell vorgefertigter Sanierungslösungen dar. Mehrfamilienhäuser wurden wegen ihrer hohen Versorgungswirkung als wichtiges Handlungsfeld hervorgehoben. Am DigiFab-Demonstrator in Bruck an der Mur zeigte der Vortrag die Sanierung eines bewohnten Mehrfamilienhauses mit energieaktiver Fassade. Die Präsentation dokumentierte die Montage von 54 vorgefertigten Modulen innerhalb von zwei Wochen und eine Reduktion des Heizwärmebedarfs um 60 Prozent. Die Bewohner:innen konnten in ihren Wohnungen bleiben; neue Heizungsleitungen in den Wohnungen waren für das vorgestellte Konzept nicht erforderlich. Zugleich unterschied Ninaus zwischen technischem Potenzial und tatsächlicher Umsetzbarkeit: Einer im Vortrag vorgestellten Berechnung zufolge sind rund 70.000 Gebäude in Österreich technisch, rechtlich und ökologisch geeignet, während unter den aktuellen wirtschaftlichen Bedingungen rund 10.000 Gebäude einen sinnvollen Anwendungsfall darstellen. Als Hemmnisse wurden hohe Kosten, wohnrechtliche Hürden, Brandschutzanforderungen und uneinheitliche Prozesse benannt. Das Branchenprojekt SeRenoWood setzt deshalb bei der Gruppierung geeigneter Bestände, Referenzmodulen, wiederkehrenden Anschlussdetails, Ausschreibungsgrundlagen und der Abstimmung von Planung, Fertigung und Umsetzung an. Ein Branchenleitfaden soll die Übertragung der Erkenntnisse unterstützen.
Uwe Nerwein beleuchtete unter dem Titel „Leistbar sanieren mit Holz im gemeinnützigen Wohnbau“ die Umsetzung aus Sicht der Rottenmanner Siedlungsgenossenschaft. Am Studierendenwohnhaus Grüne Gasse in Graz, einem Gebäude aus dem Jahr 1972 mit 34 Wohneinheiten, erläuterte die energetische Sanierung und den Wechsel von elektrischen Nachtspeicheröfen zu Fernwärme mit Flächenheizung. Die in der Präsentation ausgewiesenen Energieausweisdaten zeigen eine Verringerung des Heizwärmebedarfs um 45,8 Prozent und der CO₂-Emissionen um 48,8 Prozent. Den energetischen Verbesserungen stehen hohe Anfangsinvestitionen und erheblicher Planungsaufwand gegenüber. Für die vorgestellte Fassade wurden rund 650 Euro je Quadratmeter genannt, gegenüber etwa 250 bis 300 Euro für ein herkömmliches Wärmedämmverbundsystem. Da in dieser Fassade auch das Heizsystem mit Bauteilaktivierung sowie neue Fenster integriert sind können diese Preise allerdings nicht direkt verglichen werden. Nerwein hob die exakte digitale Bestandsaufnahme, früh geklärte Anschlussdetails sowie eindeutige Zuständigkeiten als wichtige Voraussetzungen hervor. Wesentlich war außerdem die Kommunikation mit Bewohner:innen, insbesondere über das neue Heizsystem und seine Funktion. Die Refinanzierung ohne Erhöhung der monatlichen Belastung wurde als zentrale Herausforderung benannt. Kostenreduktion durch Skalierung und die Warmmiete erschienen als Ansatzpunkte, deren Umsetzung weiter zu klären ist.
Markus Kroisleitner zeigte die praktischen Erfahrungen der Firma Strobl Bau mit serieller Holzsanierung. Seine Präsentation dokumentierte den Ablauf von der Ausgangssituation über digitales 3D-Aufmaß und Werkplanung bis zu Montageplanung, Transportlogistik, Produktion und Fertigstellung. Zeichnungen, räumliche Modelle und Baustellenbilder veranschaulichten, wie vorgefertigte Fassadenelemente geplant, mit Komponenten ausgestattet und am Gebäude montiert werden. In Verbindung mit den anschließenden Diskussionen wurde deutlich, dass die Vorteile der Vorfertigung eine genaue Vermessung und frühzeitige Entscheidungen voraussetzen. Maßabweichungen, Anschlüsse und Leitungsführungen müssen vor der Produktion berücksichtigt werden, damit die Elemente auf der Baustelle zusammengefügt werden können. Die Integration von Fenstern und Haustechnik erweitert den Nutzen der Fassade und kann Eingriffe in genutzte Räume reduzieren. Zugleich bleibt die technische Lösung an Geometrie, Zustand und Nutzung des jeweiligen Bestands gebunden.
An die Impulsvorträge schloss ein Workshop mit drei moderierten Thementischen in drei Gesprächsrunden an. Bernhard Hohmann moderierte gemeinsam mit Cornelia Ninaus den Tisch „Rahmenbedingungen und Skalierung“. Thomas Höflehner leitete mit Uwe Nerwein die Diskussion „Soziales, Leistbarkeit und Prozesse“. Andrea Jany moderierte gemeinsam mit Markus Kroisleitner den Tisch „Technische Lösungen für den Bestand“. Die wechselnden Gruppen ermöglichten, die fachlichen Impulse aus unterschiedlichen Perspektiven zu diskutieren und Herausforderungen sowie Lösungsansätze auf Tischplakaten festzuhalten.
Am Tisch „Rahmenbedingungen und Skalierung“ standen das Spannungsverhältnis zwischen Baurecht und Innovation, anspruchsvolle Brandschutzdetails und die Ausrichtung der Wohnbauförderung im Vordergrund. Diskutiert wurden flexiblere Möglichkeiten für Bestandssanierungen, fachliche Klärungen mit Behörden und eine stärkere Förderung des Bestands. Der Vergleich über Lebenszykluskosten anstatt der einfachen Betrachtung über die unmittelbaren Errichtungskosten wurde hervorgehoben. Skalierungsmöglichkeiten wurden besonders in Fertigung, Automatisierung und wiederholbaren Details gesehen. Werkzeuge zur Eignungsprüfung und Leitfäden für Ausschreibungen sollen Erfahrungen aus einzelnen Projekten übertragbar machen. Architektur, gute Baukultur sowie Reparatur- und Nachrüstfähigkeit wurden als weitere Anforderungen an die Entwicklung serieller Lösungen benannt.
Am Tisch „Soziale Leistbarkeit und Prozesse“ wurde deutlich, dass Sanierung unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten und Interessen berücksichtigen muss. Einer Forderung nach einfachen, günstigeren und später ergänzbaren Lösungen stand die Sorge gegenüber, wiederholte Eingriffe könnten langfristig höhere Kosten verursachen. Fehlende Liquidität bleibt auch dann ein Hindernis, wenn eine Maßnahme über ihre Lebensdauer wirtschaftlich vorteilhaft erscheint. Die getrennte Verteilung von Investitionskosten und Betriebskosteneinsparungen führte erneut zur Diskussion der Warmmiete. Besonders hervorgehoben wurden Energiearmut und die begrenzte Belastbarkeit einkommensschwächerer Haushalte. Als praktische Ansätze wurden verständliche Informationen, sichtbare Vorteile, rechtzeitige Erhebung der Bedürfnisse, erreichbare Kontaktpersonen und kommunizierte Ausweichmöglichkeiten festgehalten. Klare Verantwortlichkeiten und eine abgestimmte Planung sollen die Durchführung im bewohnten Bestand unterstützen.
Am Tisch „Technische Lösungen für den Bestand“ bildeten Eignungsprüfung, genaue digitale Bestandsaufnahme und die Zusammenarbeit der Gewerke die Grundlage der Diskussion. Ein 3D-Scan von Innen wurde als erprobter Ansatz für Fälle beschrieben, in denen die äußere Fassadenverkleidung den relevanten Bestand verdeckt. Für die Montage wurden Toleranzausgleich, früh geplante Anschlüsse und möglichst geringe Nachbearbeitung auf der Baustelle hervorgehoben. Vertikale Installationsschächte und zugängliche Revisionsöffnungen sollen Wartung und Reparaturen erleichtern. Rohrbrüche und Feuchtigkeit wurden als Risiken diskutiert, denen durch schnelle Erkennung und guten Zugang begegnet werden soll. Demontage und Wiederverwendung verschraubter Elemente wurden anhand eines Praxisbeispiels erläutert. Zusätzliche Wohnqualität durch Balkone, Erweiterungen und Aufstockungen sowie die Berücksichtigung vermiedener Ersatzunterbringungskosten erweiterten den Blick auf den Nutzen der Sanierung.
Der 15. WOHNBAU.DIALOG STEIERMARK zeigte insgesamt, dass serielle Sanierung mit Holz für geeignete Bestände eine Möglichkeit bietet, energetische Verbesserungen mit zusätzlichen Gebäudefunktionen und einer weitgehend fortgesetzten Nutzung zu verbinden. Für eine breitere Anwendung müssen technische Eignung, wirtschaftliche Tragfähigkeit und soziale Verträglichkeit gemeinsam betrachtet werden. Die Vorträge belegten konkrete Umsetzungsmöglichkeiten, während die Tischdiskussionen die Grenzen einer allein auf Herstellungskosten gerichteten Bewertung und die Bedeutung verlässlicher Planung verdeutlichten. Als Ansatzpunkte wurden eine stärkere Förderung der Bestandssanierung, praktikable rechtliche Rahmenbedingungen, wiederholbare Details, Wissenstransfer und die frühzeitige Einbindung der Bewohner:innen benannt. Offen bleiben insbesondere die Finanzierung höherer Anfangsinvestitionen, die Verteilung von Kosten und Nutzen sowie das Ausmaß erreichbarer Skalierungseffekte. Die Veranstaltung machte deutlich, welche Fragen für die weitere Verbreitung zu bearbeiten sind: Sanierung soll den Bestand langfristig verbessern, für die Betroffenen tragbar bleiben und räumliche wie gestalterische Qualität sichern.
Fotocredit: HDA, Konstantin Münch
